Mein Übergewicht sagt, was ich mich nicht zu sagen traue

18.02.2018

 

 

Drücke ich durch meinen dicken Körper aus, was ich mich nicht zu sagen traue? Ist mein Übergewicht vielleicht ein Hilfeschrei meines ängstlichen inneren Kindes, das sich Anerkennung und Sicherheit wünscht und vergebens versucht, NEIN zu schreien? Das sich nicht traut, nach Aufmerksamkeit zu fragen oder gar Bedürfnisse anzumelden?

 

Wenn ich Angst habe oder mich nicht traue "nein" oder "stop" zu sagen, wenn jemand eine Grenze überschreitet und mir zu nahe kommt (körperlich oder verbal), könnte es sein, dass mein dicker, grosser Körper das für mich übernimmt? Dass er schon von weitem schreit: "geh weg! Lass mich in Ruhe! Komm mir nicht zu nahe!"

 

 

Kennst du Glaubenssätze wie:

 

- wenn ich brav und ruhig bin, hat man mich gern

- wenn ich meine Bedürfnisse zurückstecke, bin ich pflegeleicht und liebenswert

- wenn ich meine Meinung sage, oder sogar "nein", könnte mich jemand nicht mögen

- Liebe und Anerkennung muss ich mir verdienen

- wenn ich mich um dich kümmere, kümmerst du dich auch um mich

- etc. 

 

Alle diese Glaubenssätze zeugen von einem tiefen Selbstwertgefühl. Viele Übergewichtige* haben in der Kindheit die Meinung über sich gebildet, dass etwas mit ihnen nicht stimmte. Sie lernten, dass wenn sie brav sind und keine Bedürfnisse haben, besser ankommen, oder vielleicht wurde es auch einfach von den eigenen Eltern so vorgelebt. Was leider auch nicht selten vorkommt, sind grenzüberschreitende (sexuelle) Übergriffe von Erwachsenen, manchmal sogar von einem Elternteil. Da das Kind von der Aufmerksamkeit und der Fürsorge der Erwachsenen abhängig ist, lernt es schnell: wenn ich still bin und nichts sage, werde ich weiterhin geliebt und bin sicher.  

 

Ich hielt mich selbst immer für sehr stark, belastbar und tough. So hatte ich vier Jahr lang als Zugbegleiterin gearbeitet, eine gefährliche und herausfordernde Arbeit. Es gefiel mir, täglich durch die Schweiz zu reisen, unterwegs zu sein, die schöne Natur zu bestaunen. Ebenfalls hatte ich an jedem Bahnhof meine kulinarischen Lieblinge, die auf mich warteten. Während und nach jeder Tour brauchte ich meinen Fix an Zucker. Egal wie oft ich versuchte, aufzuhören, es ging einfach nicht. Als ich endlich aus dem Diät-Denken ausstieg (wie in meinem Online-Kurs beschrieben), und anfing, meinen Inneren Kritiker zu beachten, liessen die Fressanfälle nach. Mit ihnen, verabschiedete sich auch die Taubheit, mit der ich durch die Welt ging. Auf einmal spürte ich meine Gefühle und merkte, dass ich im Grunde überhaupt nicht tough war, sondern sehr sensibel und auch sehr ängstlich. Was ich all die Jahre mit Unmengen an Süssem überdeckte, kam nun zum Vorschein. Ich wollte mich nicht mehr diesen Gefahren im öffentlichen Verkehr aussetzen, wollte mich nicht mehr nachts um 1 an den Bahnhöfen aufhalten müssen, denn es machte mir Angst - auch heute noch.

 

Ebenfalls war die Verantwortung für anderer Menschen Sicherheit eine Bürde für mich. Schon immer fühlte ich mich verantwortlich, dass es allen um mich herum gut geht und das manchmal fahrlässige und rücksichtslose Verhalten von Fahrgästen machte mir grosse Mühe und ich konnte mich schlecht bis gar nicht abgrenzen. Heute weiss ich, bzw. übe ich, nur zu meinem Garten zu schauen - für deinen bist du verantwortlich, nicht ich.  

 

Wenn ich immer zuerst an andere denke und meine eigenen Bedürfnisse still zurückstecke, mir meinen Raum nicht nehme, kompensiere ich vielleicht die fehlende Zuwendung mir selbst gegenüber mit übermässigen Essen? Das ständige "sich um andere kümmern", statt um mich selbst, was löst das in mir aus? Wo nehme ich diese Extra-Energie her? Wie baue ich diesen selbstauferlegten Stress ab? Genau! Fressen! Und den zusätzlichen Ballast von anderen, den ich mir aufhalse, trage ich auf den Hüften. 

 

Ich begebe mich heute auf diese Entdeckungsreise. Seit langem habe ich keine Fressanfälle mehr, aber das Gewicht brauche ich dennoch, so scheint es, denn es ist immer noch da. Ein Teil von mir will es nicht loslassen und ich nehme diesen Teil sehr wohl wahr. 

 

ICH BESTIMME MEINEN WERT DURCH MEINE AKTIONEN MIR SELBST GEGENÜBER!

 

Ich lade dich ein, mit mir auf diese Reise zur Selbst-Liebe zu kommen und achtsam und liebevoll wahrzunehmen, wie und wo du dich nicht abgrenzt und nicht zu dir schaust:

 

-schaue ich gut zu mir?

-sage ich bestimmt "nein", wenn ich nicht will?

-wem schenke ich meine wertvolle Zeit?

-lasse ich deinen Ballast bei dir?

-übernehme ich Verantwortung für andere Erwachsene?

-nehme ich mir meinen Raum?

-tue ich, was ich tue, auch für mich oder nur für andere?

-was brauche ICH?

-nehme ich mir, was ich brauche?

-was tut mir gut?

-belohne ich mich regelmässig? (Es gibt andere Belohnungen als Essen :-))

 

Nun, dies soll natürlich kein Egotrip werden. Es geht darum, ein gesundes Ego zu entwickeln, welches, so wage ich zu behaupten, bei den meisten Binge Eatern nicht vorhanden ist. Wir sind immer für andere da, bemüht, gemocht zu werden. Oft lassen wir uns als Schuhabtreter benutzen, machen alles für andere, während wir nichts für uns tun. Dabei leiden wir im Stillen...und fressen. 

 

Ich wage ebenfalls zu behaupten, dass so viele von uns, auch nach grossen Gewichtsabnahmen, wieder zunehmen, eben weil wir diese Themen nie anschauten, nie lernten NEIN zu sagen und uns auch um unsere Bedürfnisse kümmern.

 

Die Antwort ist (Selbst-)Liebe und nicht Diät!

 

 

*Nicht alle Binge Eater sind übergewichtig. Viele aber fühlen sich übergewichtig, auch wenn sie es nicht wirklich sind. Dieser Artikel basiert auf meiner persönlichen Erfahrung als adipöse Esssüchtige und aus meiner Arbeit mit KlientInnen und mag nicht für jede(n) stimmig sein. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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