Mitten im Fressanfall - Fuck it!

06.05.2017

Das nächste Mal, wenn du dich in einem Fressanfall wieder findest, sei nett zu dir! Es ist ok!

 

Es ist also wieder passiert...du findest dich mitten in einem Fressanfall wieder. Die Gedanken “Scheisse, das wollt ich doch nicht mehr! Jetzt versage ich schon wieder!” und “gib mir noch einen Keks…!” wechseln sich ab. Ein kleiner Krieg tobt in dir. Du versuchst ihn zu gewinnen, wieder einmal. David gegen Goliath. Du hast das Gefühl, du sitzt in einem Kanu, das immer schneller über die Stromschnellen flussabwärts geschlagen wird und du versuchst verzweifelt, die Kontrolle darüber zu erlangen. Du weisst, flussabwärts erwartet dich nichts Gutes; vielleicht sogar der Tod. Du hast Angst, trotzdem - oder gerade deswegen - isst du weiter.

 

All die klugen Fragen, die du in deiner Therapie gelernt hast, wie “was brauchst du wirklich?” - “was kannst du dir sonst Gutes tun?” - “Spüre deine Gefühle.” etc. willst du jetzt nicht hören; du willst fressen. Sie sollen sich alle zum Teufel scheren, mit ihren gut gemeinten Ratschlägen. Was wissen die denn über die Tortur der Sucht, des Kontrollverlustes und des inneren Kampfes, den du immer wieder zu verlieren scheinst; Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

 

Das einzige was du denken kannst ist “fuck it!”. Du bist müde. Du hast keine Hoffnung mehr.

 

“Fuck it all, ich fresse weiter!”

 

Warum fühlst du dich so schlecht? Wer sagt dir, dass du etwas Falsches tust? Was ist so schlimm an einem Fressanfall?

 

Wer sagt dir, du musst abnehmen, du musst Fressanfall-frei sein, dein Essen muss clean sein, du musst perfekt sein, du musst immer alles unter Kontrolle haben?

 

Was wärst du ohne diese Gedanken?

 

Was, wenn du anstatt dich zu verurteilen während einer Essattacke denken würdest: “ok, ich bin gerade dabei, mehr zu essen, als das mein Körper benötigt, und das ist ok. Anscheinend brauche ich jetzt gerade eine Extraportion Essen. Es schmeckt so gut. Ich merke, dass ich schon lange satt bin, und auch das ist ok. Ich darf weiter essen, so lange ich will. Ich bin kein Loser, ich brauche es jetzt gerade. Ich darf jederzeit aufhören und es später fertig essen. Ich kann es auch morgen fertig essen, wenn ich will. Ich verbiete mir nichts mehr; weder heute, noch morgen. Ich muss weder abnehmen, noch ein perfekter Esser sein. Es ist ok. Ich bin ok. Ich liebe mich.”

 

Es ist ok, so wie es jetzt gerade ist. Du bist ok, so wie du jetzt gerade bist. Du brauchst nichts zu ändern, nichts zu verbessern.

 

Es ist alles gut.

 

Sei nett zu dir. Tröste dich selbst, wie du ein kleines Kind trösten würdest, das einen schlechten Traum hatte. Halte und wiege dich selbst in deiner Vorstellung.

 

Hör auf, dich zu beschimpfen. Du tust nichts Falsches.

 

Gib den Kampf auf. Lass die Ruder los. Lehne dich zurück und lass das Kanu treiben. Und genau in diesem Moment der Hingabe, findest du dich wieder auf einem spiegelglatten See, mit glasklarem Wasser; dein Kanu wiegt sich sanft im Wind. Endlich Frieden; und wo Frieden ist, kann Veränderung passieren. 

 

Es ist alles gut.

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